Archiv für Mai 2013

No border, no nation – Stop deportation!

(sp) Heute wollen wir euch ein Projekt ans Herz legen, welches mit dem RSC nur bedingt etwas zu tun hat. Die einzige offensichtliche Verbindung wäre, dass beide auf ihre eigene Art großartig sind und doch ließe sich der RSC wohl nur schlecht damit vergleichen. Es geht um das aktuelle Projekt von Heinz Ratz, Kopf der Band „Strom & Wasser“ und ist so einzigartig, wie wichtig, dass wir es auch hier bewerben wollen um die größtmögliche Öffentlichkeit hierfür herzustellen.

Refugees welcome

Heinz Ratz macht nun schon seit einigen Jahren Musik und auch immer wieder mit verschiedenen, darüber hinausgehenden Projekten, auf sich aufmerksam. 2011 „tourte“ er praktisch durch die Abschiebelager in Deutschland um Spenden für die Flüchtlinge zu sammeln, sowie mit seiner Musik den Alltag der Flüchtlinge etwas zu bereichern. Wer sich etwas mit der Flüchtlingspolitik der EU und ihrer Mitgliedsstaaten auseinander setzt, weiß, dass es nicht nur an den Außengrenzen regelmäßig menschenverachtende Konflikte mit den Grenzschützer_innen von Frontex gibt, sondern eben auch in den Mitgliedsstaaten, die über andere Mitgliedsstaaten erreicht werden können (wie zB. Deutschland). 20 Jahre nach den rassistischen Pogromen von Rostock-Lichtenhagen und Solingen und der generellen Aufhebung des Asylrechts, warten die meisten nach Deutschland geflüchteten Personen auf ihre Abschiebung und erhalten beinahe im besten Fall eine Aufenthaltsgenehmigung. Dabei sind die Flüchtlinge meist auf das begrenzte Taschengeld (wenn es denn tatsächlich einmal Bargeld und nicht nur Gutscheine oä. gibt), welches ihnen vom Bundesland gegeben wird, angewiesen und unterliegen der Residenzpflicht. Sie dürfen sich praktisch nur in den zugewiesenen Landkreisgrenzen bewegen und nur mit einer Ausnahmegenehmigung dieser Pflicht entfliehen. Die Ausnahmegenehmigung ist allerdings streng an einen Grund gekoppelt und wird, wie der Name schon vermuten lässt, nur in Ausnahmen ausgestellt. Verstoßen die Flüchtlinge gegen die Residenzpflicht, ist zuerst ein Ordnungsgeld zu bezahlen, mehren sich die Verstöße, kann es sein, dass die Flüchtlinge ins Gefängnis (bis zu einem Jahr) müssen. Hinzu kommt, dass eine Ausweisung und damit Abschiebung der Flüchtlinge wahrscheinlicher wird und auch Ausnahmegenehmigungen können dann schwerer zu erhalten sein. (Ein übersichtliches FAQ zum Thema Residenzpflicht gibt es hier)

Während Heinz Ratz nun bei seinen Lagerbesuchen auch immer wieder Spenden generieren konnte, ließ ihm die Situation in den Lagern auch nach dem Beenden seiner Tour keine Ruhe. Zu ernüchternd war der Anblick, der sich ihm praktisch in jedem Lager bot und zu menschenverachtend die Migrationspraxis der BRD. Das einzige, was ihm bei den Besuchen im Lager gefallen haben konnte, waren die verschiedenen Menschen, die hier zwar nicht freiwillig an einem Ort zusammengekommen waren, die aber so viele individuelle Fähigkeiten, wie erschütternde Geschichten über ihre Fluchten, hatten, wie es sie selten an anderen Orten gibt. Unter anderem traf er viele Musiker_innen, die zum Teil in ihren Herkunftsländern schon musikalische Spuren hinterlassen hatten und so reifte der Gedanke in Heinz Ratz, zusammen mit diesen Musiker_innen etwas Schönes aus der hoffnungslosen Situation zu machen. Die Vorstellung ging dabei hin zu einer eigens hierfür produzierten CD, aufgenommen mit den verschiedenen musikalischen Talenten der Flüchtlinge und am besten darauf aufbauend einer Tour. So einfach und gut sich diese Idee anhört, so kompliziert und nervenaufreibend muss die Umsetzung gewesen sein. Wir ziehen schon an dieser Stelle unseren Hut vor Heinz Ratz, dass er hier niemals aufgegeben hat. Die Musiker_innen, die deutschlandweit in den Lagern verteilt leben, zur Aufnahme ins Tonstudio nach Hamburg zu kriegen, muss ein ungeheurer Kraftakt gewesen sein. Sowohl finanziell, als auch menschlich. So kam es vor, dass Musiker_innen nicht mit dem gebuchten Zug anreisen konnten, da sie am Bahnhof von den Staatsdiener_innen in Uniform kontrolliert wurden und darüber den Zug nicht mehr rechtzeitig erreichten. (Von der Polizei wird eine solche Kontrolle dann mit ihren Erfahrungswerten gerechtfertigt, für uns ist eine Kontrolle, die lediglich erfolgt, weil die Person „of colour“ ist, genau eins: Rassistisch! Leider gibt es auch wieder ein sehr aktuelles Beispiel aus Osnabrück für diese Praxis. Hier das Statement der No Lager Gruppe) Ohne den unbedingten Willen jeder/s einzelnen, diese CD herzustellen, wäre sie auch nicht fertig geworden. So aber konnte tatsächlich die CD „Strom & Wasser feat. The Refugees“ aufgenommen werden und enthält nun Musik, die wirklich unter das Label „Weltmusik“ passt. Die verschiedenen Einflüsse, geeint im Begehr nach einem menschlichen Umgang miteinander, geben der CD eine ungeheure Kraft und verleihen Hoffnung. Hoffnung auf eine Besserung der Situation. Für die betroffenen Musiker_innen, sowie für alle anderen Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind.

Strom & Wasser feat. The Refugees

Nach dem die Produktion der CD abgeschlossen werden konnte, gab es auch mediales Feedback. Das Projekt schaffte es bis in die Tagesschau und die BBC brachte eine halbstündige Dokumentation. Der Chefredakteur der BBC rief damals bei Heinz Ratz an um nachzufragen, ob die Situation in den deutschen Flüchtlingslagern denn tatsächlich so skandalös wäre. Hier zeigt sich das grundlegende Problem. Die gesamte Migrationspolitik zielt auf eine Abschottung der Flüchtlinge hin. Je weniger die Flüchtlinge am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können umso weniger weiß die Gesellschaft, wie menschenunwürdig die Flüchtlinge oft leben müssen. Doch wäre es zu einfach, die Schuld von sich selbst zu weisen, weil der Themenkomplex zu unbekannt sei. Auf seiner Tour wollte Heinz Ratz zB. auch das Abschiebelager Gerstungen besuchen, zu welchem ihm aber der Zugang verweigert wurde. Damit er sich der Absage seiner Besuchsanfrage auch ja erinnern würde, beschützten die Freund_innen und Helfer_innen in blau und grün das Lager. Richtig ekelhaft wird das Ganze in dem Moment, wo mensch erfährt, dass ein paar Wochen vorher die NPD zu eben diesem Lager der Zutritt gewährt wurde, damit sie den Flüchtlingen Flyer überreichen konnte, auf denen die Flüchtlinge darüber informiert wurden, wie sie ihre eigene Heimreise am besten antreten könnten. In eben jenem Lager starb vor ein paar Tagen ein weiterer Flüchtling. (Mehr lesen) Hier vor also die Augen zu verschließen und zu sagen, mensch habe von nichts gewusst, ist so bitter wie gefährlich. Wir, sowohl du als auch jede_r von uns, muss dafür einstehen, die Freiheit für diese Minderheit zu erkämpfen, damit sie sich wieder menschlich bewegen kann. Denn so unterschiedlich jede_r auch sein mag – Jede_r von uns ist Mensch und was viel wichtiger ist – Jede_r von uns hat es verdient, menschlich zu leben! Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen!

Weitere Aufmerksamkeit erhielt das Projekt um Heinz Ratz und „Strom & Wasser“ durch die Vergabe der Integrationsmedaille 2012. Diese Medaille wird von der Bundesregierung vergeben und sollte für das oben erwähnte Engagement im Jahr 2012 an Heinz Ratz gehen. Vollkommen zu Recht nahm Heinz Ratz dies eher verwundert zu Kenntnis und musste vorerst überlegen, ob er diese Medaille annehmen solle. Schließlich war sein Projekt, so integrativ es auch sein mag, nur durch die Migrationspolitik der Bundesregierung möglich und notwendig geworden. Die Verleihung und die Annahme der Ehrung sind somit absolut paradox. Heinz Ratz nahm nach einiger Bedenkzeit die Ehrung allerdings an um hiermit den größtmöglichen Schutz für die am Projekt beteiligten Flüchtlinge zu generieren. Die Hoffnung, die Bundesregierung würde keine_n Musiker_in abschieben, welche_r indirekt mit der Integrationsmedaille geehrt wurde, ist vorhanden. Allerdings befinden sich alle Musiker_innen weiterhin in offenen Verfahren und die Wahrscheinlichkeit, dass die Bundesregierung sich hier anders besinnen würde, sollte ein Verfahren die Abschiebung als Resultat haben, wirkt leider immer noch gering. Zu groß sind der institutionelle Rassismus und die Ignoranz der deutschen Gesellschaft für ihre Mitmenschen.

Während schon die Aufnahmen zu der CD mit ungemeinen Schwierigkeiten verbunden waren, sollte sich die darauf anschließende Tour ebenfalls als wahrer Hindernislauf herausstellen. Die Aussage, die reisenden Musiker_innen wären während der Tour öfter von der Polizei kontrolliert worden, als dass sie auf einer Bühne gestanden hätten, zeigt deutlich die Schikane auf, der die Flüchtlinge Tag aus, Tag ein ausgesetzt sind. Nichts desto trotz schafften es „Strom & Wasser feat. The Refugees“ am 21.04.2013, natürlich mit diversen Ausnahmegenehmigungen für die teilnehmenden Musiker_innen, ins Lutherhaus in Osnabrück und kredenzten hier Musik über Freiheit und Gerechtigkeit, gegen Repression, Verfolgung und Rassismus, die glaubwürdiger wohl selten präsentiert wurde.

Heinz Ratz führte am Bass und mit diversen Anekdoten zum erlebten Geschehen während seines nun zweijährigen Engagements, durch den Abend. Die Energie und Kraft, die hier von der Bühne erklang, spiegelten das Leben wieder, welches so klangvoll sein kann, obwohl es oft so trostlos ist. „Strom & Wasser“ waren an diesem Abend einfach eine treffende Bezeichnung für das Geschehen. Besonders bemerkenswert war, dass die vielen guten Vibes förmlich auf das Publikum übergingen und obwohl die Flüchtlingssituation Hass und Wut aufwerfen kann und es oft genug tut, sollte an diesem Abend das Positive und Gemeinsame zelebriert werden. Es war Heinz Ratz Anliegen und nach Besuch des Konzerts steht fest, er hat es vollbracht: Etwas Schönes aus dem Trostlosen zu schaffen. Vielen Dank!

Das mag nun hippiesk klingen, aber das ist praktizierter Antirassismus! Lasst euch von den Labels „Weltmusik“ und „Good Vibes“ nicht abschrecken, sondern unterstützt dieses Projekt, wo immer ihr auch könnt. Die Tour läuft noch und verdient noch viel mehr Aufmerksamkeit! Erzählt euren (Groß-)Eltern davon, euren Arbeitskolleg_innen, euren Lehrer_innen. Einfach jeder/m! United we stand – Divided we fall! Solidarität muss praktisch werden!

Die Tourdaten:
06.05.2013 DE-Greiz, Papierfabrik
07.05.2013 DE-Erfurt, Museumskeller
08.05.2013 DE-Leipzig, Lindenau-Festival
09.05.2013 DE-Kassel, Schlachthof
10.05.2013 DE-Chemnitz, Weltecho
11.05.2013 DE-Bamberg, Morph-Club
12.05.2013 DE-Wendland, Open-Air
13.05.2013 DE-Hannover, Bei Chez Heinz
14.05.2013 DE-Fulda, Kulturkeller
15.05.2013 DE-Koblenz, Circus Maximus
16.05.2013 DE-Wiesbaden, Schlachthof
17.05.2013 DE-Mainz, Open Ohr
18.05.2013 DE-Frankfurt a.M., Brotfabrik : feat: THE REFUGEES
19.05.2013 DE-Köln, Underground
20.05.2013 DE-Hamburg, Fabrik
23.05.2013 DE-Frankenberg (Sachsen), Kino
24.05.2013 DE-Dresden, Literaturhaus
25.05.2013 DE-Pirna, Markt der Kulturen
26.05.2013 DE-Magdeburg, Festung Mark
11.06.2013 DE-Lüneburg, Salon Hansen
12.06.2013 DE-Oldenburg, Alhambra
13.06.2013 DE-Wolfsburg, Kulturzentrum Hallenbad (tbc)
14.06.2013 DE-Bad Kreuznach, Bonhoefer-Haus
16.06.2013 DE-Eschweiler, tba
17.06.2013 DE-Saarbrücken, Theaterschiff
18.06.2013 DE-Bonn, Pantheon
19.06.2013 DE-Heilbronn, Türkischer Kulturverein
20.06.2013 DE-Marburg, KFZ
21.06.2013 DE-Aalen, Stadtfest
22.06.2013 DE-Radolfzell, Muscheln
23.06.2013 DE-Bochum, Bahnhof Langendreer
19.07.2013 DE-Aschaffenburg, Fest der Brüderlichkeit

Weiterführende Links:
Homepage Strom & Wasser
1000 Brücken
No Lager Osnabrück

Kein Mensch ist illegal