Archiv für August 2013

„Hier verliert nur einer, RSC und sonst keiner!“ – StandUp!-Cup ’13


Nach monatelanger Vorbereitung sollte es am 07. Juni 2013 tatsächlich wieder so weit sein. Der StandUp!-Cup in Düsseldorf stand an und wir waren wieder dabei. Nachdem wir bei unserem letzten Auftreten eher sang- und klanglos untergegangen sind und unsere Leistung mit dem vorletzten Platz honoriert wurde, waren wir diesmal beinahe vorbereitet. So hatten sich Teile der Crew bereits weit im Vorfeld zum wöchentlichen trainieren getroffen und auch die Teilnahme an einem Hallenturnier in Braunschweig hatten die Hoffnungen geschürt, die Vorjahresleistung überbieten zu können. Durch die lange Pause beim Rollstuhlbasketball hatten wir viel Zeit auch andere Tätigkeitsfelder zu beackern und so nahmen wir das Angebot aus Düsseldorf, mit einem Infostand präsent zu sein, auch dankend an. Selbstredend wurden so ziemlich alle Materialien, die dann doch ausgelegt werden sollten, am Abend (und in der Nacht) vor der Abfahrt erstellt und verfeinert. Der Anblick dieses Tatendrangs und unserer vom Training gestählten Körper, führte in Kombination mit dem einen oder anderen Bier, zu der richtigen Einschätzung unserer Leistungsbereitschaft und vollkommen zu Recht belächelten wir unsere kommenden Gegner_innen und Ball-Aus-Dem-Netz-Holer_innen von Siamo Tutti FCSP und ähnlichen Zusammenschlüssen.

Um 06:00 Uhr morgens wollten wir mit dem Nahverkehr gen Düsseldorf aufbrechen und hofften, dass sich genug Personen einfinden würden, die auf dem Feld gefeiert werden wollten. Der Vorteil des frühen Aufbruchs bestand zweifellos darin, dass unsere Konkurrent_innen größtenteils noch vor sich hinschlummerten, während wir uns bereits mental und physisch vorbereiten konnten. Es schafften tatsächlich knapp 15 Personen zur frühen Stunde den Weg zum Hauptbahnhof zu finden. Eine Person, die schmerzlich vermisst wurde, war die/der Kioskbesitzer_in. So blieb die Quelle für die ersten Reisebiere unseren drängenden Lebern verschlossen und wir mussten uns mit dem Begnügen, was die Reisegruppe so mit sich führte. In der Summe hieß das: Weniger Bier als Reisende. Die Sufftras deklassierten sich somit am Anfang der Reise direkt selbst. Was war denn da los? Wir wären nicht die Crew, wenn wir nicht gemeinschaftlich Tätigkeiten auf einzelne der Gruppe abwälzen könnten. Da der erste Umstieg bereits kurz nach dem Start erfolgen sollte, wurde eine Person vor Ort kontaktiert, die neben ihrem müden Körper somit auch noch beauftragt wurde, eine Kiste Bier mit zum Gleis zu bringen. In einer Crew von Held_innen machte wieder einmal Herkulars den Unterschied und vollbrachte, was ihm aufgetragen wurde. Vollkommen zu Recht wurde er daraufhin mit einem Jubel bedacht, den wir im Laufe des Tages natürlich noch einige weitere Male ausstoßen wollten.

Der Zug erwies sich als absolut brauchbares Gefährt für den längsten Teil unserer Reisestrecke. Anders als im Metronom oder ähnlichen komischen Reisemitteln, war hier das Konsumieren von Alkohol nicht nur gestattet, es wurde scheinbar noch gefördert. Anders ist es kaum zu erklären, dass es ein Zugabteil mit einer langen Theke gab, zu derer mensch sich beidseitig aufstellen konnte und so ein wunderbar mittiges Brett im Abteil hatte. Dank des mitgebrachten Biers sammelte sich hier direkt der Teil der Crew, deren Durst dazu führte, dass die Hinfahrt nicht zum Ausruhen missbraucht wurde. Nachdem bei vergangenen Reisen immer öfter auf Handys gekniffelt wurde, brachte eine Person einen analogen Würfelbecher samt Würfel mit und wieder brandete lauter Jubel auf. Wir verbrachten die Zeit bis zur Ankunft beim nächsten Umsteigebahnhof also mit Schlafen, Trinken und Kniffeln.

Nach dem nächsten Umstieg sollte die Reststrecke nur noch einige, wenige Meter betragen und die ersten Kontaktgesuche kamen uns zu Ohren. Siamo Tutti FCSP sollte sich zum Zeitpunkt unseres Eintreffens am Düsseldorfer HBF ebenfalls dort aufhalten und die Freude auf diesen Zusammenstoß wuchs mit geringer werdender Distanz. Angekommen konnten wir dann tatsächlich einem Tutti ausmachen, welchen wir direkt in unsere Obhut nahmen, damit ihm auf der Anreise nichts weitere geschehen könne. Es wurden noch kurz Bierreserven nachgeholt und die ersten Pöbeleien von Fortuna Düsseldorf Fans wurde entgegen genommen. Wenn ein so großer Mob mit grünen Shirts am HBF aufläuft liegt der Verdacht, die Gladbacher_innen hätten Ausgang, vermutlich irgendwie auch nahe. Wie dem auch sei, ab in die Bahn und beinahe pünktlich am Ort des Geschehens eingetroffen.

Wir begannen, unseren Infotisch aufzubauen, welchen wir uns später mit den Braunschweiger_innen teilen sollten. Es sollte nicht das einzige bleiben, was wir an diesem Tag mit den angesprochenen teilten. Anschließend wurden unsere Nachzöglinge in Empfang genommen, welche auf Grund des frühen Aufbruchs die Hinreise einen Tag vorher gewählt hatten und nun trotzdem nach uns eintrafen. Eine Moral, die sie zum Glück mit Eintreffen am Platz ablegten. Es lief dann erst einmal alles wie gewohnt. Wir betraten das Fußballfeld gegen Materiale Resistente und versuchten das trainierte auf dem Platz umzusetzen. Das funktionierte auch in vielen Teilen, zB. beim Abstoß, Einwurf und Hinterherlaufen, in anderen Momenten aber nur unzureichend, zB. beim Tore schießen, Tore verteidigen und Pressing. Zu Überraschung aller, außer der Materiale Resistente, verloren wir ohne eigenes Tor und feierten dies mit Gesängen ausgiebig. „Hier verliert nur einer, RSC und sonst keiner“

Da bis zu unserem nächsten Spiel noch etwas Zeit verblieb, besprachen wir taktische Änderungen und guckten uns Spiele von Freunden und solchen, die es werden wollen, an. Wenn unser Team spielen musste, wurde dieses mit einer Snare und Gesängen unterstützt, doch das Potential, welches hier in der Crew schlummert, wurde wohl immer erst dann sichtbar, wenn wir nicht auf die Spieler_innen auf dem Platz verzichten mussten und mit möglichst vielen die Spiele der anderen Teams angucken konnten. Da wir im Rahmen des Turniers in Braunschweig und darüber hinaus schon vereinzelt Kontakte zu den Braunschweiger_innen aufgenommen hatten, entschlossen wir uns recht schnell, diese neben dem Begutachten ihrer fußballerischen „Fähigkeiten“ auch gesanglich zu unterstützen. Den Spaß großschreibend wurden wir so erst belächelt, dann fotografiert und anschließend als tatsächlicher Support wahrgenommen. Dadurch angestachelt, wollten wir unsere Sangeskünste auch bei Halli Galli FCSP, äh, Siamo Tutti FCSP, beweisen. Da wir die eine Person am Bahnhof vor Gefahr beschützt und sicher zum Sportplatz geleitet hatten, hatte diese Person noch was gut bei uns. Wir unterstützen also das gegnerische Team, Traktor Oberbilk, und sangen es zum nie gefährdeten Sieg über Siamo Tutti FCSP, welche sich nach dem desolaten Auftritt besser direkt hätten auflösen sollen. Doch auch für uns sollte die Wahrheit wieder auf dem Platz liegen und mit Verstärkung durch unsere Freund_innen von Bonnanza sowie einigen Braunschweiger_innen, bestritten wir unsere nächste Partie. Der Support war durch die zusätzlichen Menschen noch besser, als beim ersten Spiel, das Resultat auf dem Feld blieb jedoch erst einmal das gleiche. Tor- und Punktlos verließen wir den Platz, von Niedergeschlagenheit fehlte aber weiterhin jede Spur.

Nach dem Spiel versuchten wir unserer Doppelbelastung gerecht zu werden. Dadurch angestachelt, dass auch die Braunschweiger_innen sich zu einem Gegenbesuch bei uns im Supportblock haben hinreißen lassen, konnten wir unsere zaghaften Interaktionsversuche in ihrem Block nicht so einfach dabei belassen und versuchten, die restlichen Spiele von UB ebenfalls zu begleiten. Da UB ungefähr so gut Fußball spielen konnte, wie Drachen Basketball, konnten wir uns schnell auf den Support konzentrieren und feierten ein ums andere Mal das Aufkeimen einer Freundschaft, die vielleicht in einigen Jahren gleich neben Laurel & Hardy im Lexikon zu finden sein wird. Es wurde sich mit grünem Rauch bei unserem nächsten Spiel dafür erkenntlich gezeigt und wir merkten, dass wir hier richtig waren. Auch der Infostand wurde wahrgenommen und unsere Aufkleber verteilten sich durch fleißige Crewhände an den Klamotten vieler Besucher_innen des Turniers.

Auch wenn wir bereits zu diesem Zeitpunkt schon viele Sympathien dazu gewonnen haben mögen, auf dem Fußballfeld schlug sich dies noch nicht nieder. Auch die Hypers kredenzten Fußball auf dem Platz, während die Crew lediglich den Hypers den Ball vor die Füße kredenzte. Wir warten weiter auf das erste Tor und versammelten uns zum Kraftsammeln beim Vortrag von Braunschweiger_innen über die Situation im Fußballverein bei ihnen vor Ort. Auch hier ist das Klima äußerst ruhig. In einer Fanszene, die für sich vorgibt unpolitisch zu sein, werden antidiskriminierende Position schnell zur Provokation und menschliches Miteinander zur Politik. Wie unsinnig die Aussage „unpolitisch“ an sich auch ist, wird den meisten Akteur_innen, die diese bemühen um ihre politische Gesinnung, oder wenigsten die von ihren Freund_innen zu verschleiern, sicher bewusst sein. Umso ätzender wird es, wenn die Forderung nach einem Ausblenden von Politik im Sport oder anderen Lebensbereichen, von Menschen getragen wird, die dieses Kalkül nicht durchschauen. Dann positioniert sich der Verein Eintracht Braunschweig, wie Alemannia Aachen und lernt nichts aus der Erfahrung, die dort gemacht wurden. Politik kann niemals ausgeblendet werden und rechten Tendenzen darf kein Raum geboten werden. Antidiskriminierende Meinungen sind keine Provokation, sondern eine Selbstverständlichkeit. Hier wird Stellung für Personen bezogen, die von Diskriminierungen betroffen sind und diesen gehört der Rücken gestärkt, immer und überall! Wer das nicht versteht oder einsehen will, macht sich auf kurz oder lang zum Wegbereiter für rechts(offene) Agitation.

Nach der Stärkung und etwas Ruhe folgte ein weiteres Spiel für die Crew, bei dem die Erinnerung an die Gegner_innen ebenso verloren ging, wie das Spiel an sich. Wir standen zwar immer stabiler und agierten beinahe, wie gut trainierte Minikicker_innen, aber es sollte einfach nicht ausreichen. Ohne eigenes Tor kann mensch einfach nicht gewinnen. Die Hoffnungslosigkeit, mit der die Crew spielte, veranlasste wohl unsere nächsten Gegner_innen zu einem taktisch selten dagewesenen Mittel. Durch lange Stangen simulierten sie einen Tischkicker und spielten damit selbstverständlich der Crew in die Arme. Auf einmal konnte sich wieder jede_r im Spiel wiederfinden. Tischfußball trainierten wir oft genug in Kneipen, nur das Umsetzen auf dem Rasen war halt gewöhnungsbedürftig. Vollkommen verdient gingen wir durch den Bruder 1:0 in Führung und ließen ab da den Ball irritiert durch unsere Reihen laufen, nicht sicher, ob F95 Antirazzista gemerkt hatte, dass wir so sicher nicht verlieren würden. Nachdem von unserer Seite keine Anzeichen gemacht wurden, den Druck auf das F95 Tor zu verstärken begann auch die Reflektionsphase unserer Gegner_innen und im Anschluss daran wurde sich der Kickerstäbe entledigt. Welch ein Schreck, auf einmal liefen wieder Fußballer_innen auf unserer Tor zu und getrachteten uns, den nahen Sieg zu nehmen. Sämtliches fußballerisches Können, Schimpfen und Böse gucken unsererseits hatte keine weitere Wirkung mehr und F95 schob zum 1:1 ein. Nun gut, auch ein 1:1 wäre ein ungemeiner Erfolg gewesen, denn noch nie konnten wir uns einen Punkt in Düsseldorf sichern. Allerdings wurde mittlerweile eben auch wieder richtig Fußball gespielt und so war das 1:1 keineswegs sicher. Doch wieder einmal entbrannte der Riot Shocker Crew Jubelorkan als der Bruder in der letzten Minute des Spiels den Ball zum 2:1 für uns im Netz unterbrachte. Geschichte war geschrieben worden, Tränen der Freude fanden ihren Weg von den Gesichtern auf den Rasen um hier einst fruchtbaren Boden gedeihen zu lassen. Das unglaubliche Gefühl dieses späten Siegtores hätte heute nicht mehr getoppt werden können und so verzichtete die Crew auf die Teilnahme an der Finalrunde.

Da Düsseldorf auch durch Erdrotation noch nicht wesentlich näher an Osnabrück gerückt ist, mussten wir kurz danach auch schon unseren Rückweg antreten. Andere Anlässe und die weite Rückreise nötigten uns so bereits zum zweiten Mal in Folge zu einem verfrühten Aufbruch. Hieran werden wir versuchen, nächstes Jahr zu arbeiten. Bei all den netten Menschen, die uns im Laufe des Tages über den Weg gelaufen sind, lohnt sich das bestimmt. So aber stand wieder die Rückfahrt auf dem Programm und wer nun denkt, die Crew wäre zu diesem Zeitpunkt erschöpft gewesen, irrt in vielen Teilen. Die Crew war gerade erst warmgelaufen. Auf der kurzen Fahrt von Düsseldorf nach Duisburg wurden die Stimmbänder schon wieder trainiert und diverse Gesänge und vereinzelt Schreie, verwandelten das Zugabteil in einen Ort der musikalischen Apokalypse. Mensch mag nun vorwerfen, dass so ein rücksichtsloses Verhalten sich nicht gebühre. Doch auch zu dieser Seite wurde sich abgesichert. Auf eine kurze Rückfrage, wem das Geschrei gefalle, folgten direkt Meldungen von Anzugträger_innen und anderen Reisenden. Mag es nun am Ruhrpott gelegen haben, an den kaputten Ohren der aufzeigenden Personen, oder aber auch an einem ähnlichen Trunkenheitsstatus, es verwunderte selbst uns. Umstieg dann in Duisburg und erneut bezogen wir unseren Platz an der Theke im eingangs beschriebenen Abteil. Fast ausnahmslos alle mitreisenden der Crew gesellten sich zum Kniffeln an den Tresen. Hier brach der vom Tag bekannte Riot Shocker Crew Jubel sich noch einmal ganz neue Wege auf. Durchweg jedes „Full House“ wurde euphorisch gefeiert und war das Ziel aller Mitspieler_innen. Der Rest des Zuges muss gedacht haben, dass es sich um einen „Kniffel“ gehalten haben muss, denn anders wäre die Lautstärke und der Jubel kaum zu erklären gewesen. Die Crew feiert eben bereits die kleinen Erfolge.

Spätestens mit dem Betreten der Bahn in Münster eskalierte dann aber die Stimmung. Geschlossen wurde sich an einer Zugseite niedergelassen und diverses Liedgut den erstaunten Mitfahrer_innen präsentiert, während diese mit RSC-Klebern auf ihren Klamotten bestückt wurden. Auch hier wurde wieder gefragt, ob das Gesinge die sonstigen Mitfahrer_innen denn erfreue. Bei ausbleibenden Meldungen war allerdings ebenso schnell klar, dass hier erst noch etwas Überzeugungsarbeit geleistet werden müsse. Auch bemühten wir uns im Verlauf, den Rest des Zuges in unsere Party zu involvieren und kündigten die „Lala“-Parts der Lieder als „Mitsingteil“ dem lauernden Abteil an. Was dann passierte, erstaunte beinahe noch mehr, als die fußballerische Leistung des Bruders. Von der Mitte des langen Zugabteils sang eine Gruppe mit Menschen, die wohl fast alle 10 Jahre jünger als die Durchschnittsschocker_innen waren, während am Ende eine Gruppe mit Menschen, die wohl mindestens 10 Jahre älter waren, unsere Lieder mit uns. Welch ein Fest! Beim Verlassen der Bahn konnten dann tatsächlich noch vereinzelt RSC-Aufkleber an den Klamotten der Reisenden ausfindig gemacht werden und auf die Aussage: „Oh, cooler Verein“, folgte dann das Anstimmen eines RSC-Gesangs. Nach diesem großartigen Spaß verabschiedeten sich immer mehr am Bahnhof und jede_r ging ihrer/seiner Wege.

Es ließe sich eigentlich noch so viel zu diesem unfassbaren Tag schreiben und wenn es etwas gibt, das wirklich noch wichtig ist, dann ist es wohl ein Dank! Nur kann dieser gar nicht all den Menschen gerecht werden, die mit dafür gesorgt haben, dass dieser Tag für uns so angenehm und erfolgreich verlief. Wir bedanken uns bei den Menschen, die tatsächlich so wahnwitzig waren, unser Team zu unterstützen! Des Weiteren natürlich bei allen Spieler_innen und den Menschen, die den Infostand am Laufen gehalten haben. Wir bedanken uns bei den vielen netten Personen, die wir kennenlernen, oder unsere Kontakte intensivieren konnten. Der größte Dank geht aber erneut an die Organisator_innen aus Düsseldorf! Hier hat wirklich praktisch alles gepasst und wir hatten einen wunderbaren Tag bei euch! Vielen Dank und bis zum nächsten Jahr!